Interview mit Dirk Müller

Dirk Müller, auch bekannt als Mr. Dax, Bestsellerautor der Bücher „C(r)ashkurs“ und „Cashkurs“ wurde von der Kreissparkasse Heilbronn in die dortige Glaspyramide eingeladen. Dort haben wir mit Dirk Müller ein Interview zu aktuellen Wirtschaftsthemen geführt. Nähre Informationen zu Dirk Müller und seinen Büchern findet ihr auf seiner erfolgreichen Website cashkurs.com.

Im Gespräch mit Dirk Müller („Mr. Dax“): offen, humorvoll und vor allem ehrlich. Heilbronn, 15.11.2011

1. Herr Müller, aktuell unterlief der Ratingagentur S&P ein Fehler mit dem Rating Frankreichs. Was halten Sie von Ratingagenturen und was macht es aus Ihrer Sicht so schwer eine europäische Alternative zu etablieren?

Ich bin schon zu lange im Geschäft, als dass ich glauben würde, dass es sich hierbei um einen Zufall handelt. Es ist ein Angriff der Amerikaner gegen Europa. Eine neue technische Kriegsführung. Dieser Meinung ist übrigens auch Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Man muss sich hierbei einfach mal die Frage stellen, wem nutzt das denn?

Gerade werden Währungssysteme neu strukturiert, die ganze Welt ordnet sich neu, die Machtachsen verschieben sich und Amerika versucht alles um nach dieser Neuordnung wieder auf der Poleposition zu stehen. Aus dieser Sicht machen die Amerikaner gerade alles richtig. Klar sind unsere Probleme in Europa hausgemacht, jedoch (aus)genutzt werden diese nun von Amerika. Standard & Poors, Moodys etc. entscheiden darüber, wer Geld auf dieser Welt bekommt und vor allem zu welchen Konditionen. Das ist eine unheimliche Macht. Ich habe mich schon 2008 damit beschäftigt. Wenn man sich mal anschaut, dass S&P beispielsweise zu McGraw-Hill, einem riesigen Medienunternehmen, was u.a. auch Lehrbücher verlegt, gehört und dann die enge Verzahnung zwischen S&P und der amerikanischen Politik betrachtet, wäre es naiv anzunehmen, dass die amerikanische Politik diese mächtige Waffe nicht für ihre Zwecke nutzen würde.

Warum es keine europäische Alternative gibt, ist sehr schnell erklärt. Um auf dem amerikanischen Markt und damit auf dem wichtigsten weltweit agieren zu können, muss die Ratingagentur in Amerika zugelassen werden. Dies weiß Amerika zu nutzen und so wird es spannend zu beobachten, ob eine mögliche europäische Ratingagentur in Amerika zugelassen würde.

2. Zurück zur Finanzkrise 2008/2009: Die Banker haben nicht wirklich dazu gelernt, bzw. spekulieren eifrig weiter, oder sehen Sie sinnvolle Veränderungen?

Sind z.B. Mittel, wie die Eigenkapitalerhöhung sinnvoll? Das, was gemacht wird, ist schlichtweg eine Farce. Die Banken müssen künftig 9% Eigenkapital auf die „risikogewichteten Aktiva“ (das ist ein kleiner Beisatz, den man gerne überliest) vorhalten. Das bedeutet: Für jede Kapitalanlage im Bestand muss die Bank entsprechend dem jeweiligen Risiko dieser Anlageart Eigenkapital vorhalten. Mal mehr, mal weniger. Aber wie stark das Risiko für die jeweilige Position ist, kann sie mit relativ großer Spanne selbst bestimmen.

Also jetzt gerade machen die Banken z.B. Folgendes: Sie müssen nun ihr Eigenkapital erhöhen auf 9%, Mensch das ist aber viel! D.h. was machen sie jetzt? Sie bauen nicht unbedingt Positionen ab, nein, sie nehmen einfach die Risikogewichtung runter und schon passt das wieder. Es sind Bilanztricks, die da stattfinden, mehr nicht. Und das große Damokles-Schwert sind die Staatsanleihen – denn wie gesagt risikogewichtete Aktiva. Und Staatsanleihen müssen mit 0% Eigenkapital unterlegt werden. Weil Staatsanleihen angeblich nie ausfallen können. Ein kurzer Blick zurück in die Geschichtsbücher zeigt den Irrsinn dieses Gedankens. Deshalb hat man auch so eine große Panik vor einem offiziellen Default Griechenlands, weil das Bilanzierungsrecht vorsieht, dass Staatsanleihen absolut sicher sind und nicht Pleite gehen können. Ich muss sie also mit gar keinem Eigenkapital hinterlegen.

Die Deutsche Bank hat 2,2 Billionen Bilanzsumme und 50 Mrd. Eigenkapital. Das sind ein wenig mehr als 2%. Sie sagt, sie hätte 10%. Wo kommt denn das her? Unter anderem weil Staatsanleihen nicht unterlegt werden müssen. Die zählen somit nicht mit. Und wenn wir nun tatsächlich einen offiziellen Default in Griechenland hätten, wäre diese Bilanzierungstechnik nicht mehr zulässig und dann müssten die Banken in ganz Europa für sämtliche Staatsanleihen Eigenkapital vorhalten, was sie bisher nicht mussten. So viel Eigenkapital bekommt keine Bank bei. Genau davor haben die Banken und Versicherungen Angst. Nicht vor den Abschreibungen in Griechenland, sondern davor, dass die Bilanzierung so nicht mehr aufrecht zu erhalten ist.

3. In diesen unsicheren Zeiten interessiert uns als Börsenverein natürlich auch, wie man seine eigene Geldanlage ausrichten soll. Zu was raten Sie? Aktien? Fonds? Oder doch die Eigentumswohnung?

Ausschließlich reale Werte momentan. Finger weg von Cash-Investments! Reale Werte, Aktien, Edelmetalle, Rohstoffe mit großer Klammer außen rum. Bei Immobilien wird es schon schwierig. Wir haben die Schweinepest im Land, dann muss ich nicht unbedingt Schweine kaufen. Ich will es nicht komplett madig machen, aber wir haben momentan auch sehr hohe Preise für Immobilien, da muss jeder wissen, was er macht. Wenn man sich auf dem Feld auskennt, kann man sich noch sehr gut bewegen und man kann immer noch was finden. Aber für viele wird es schwierig jetzt hier noch günstig Immobilien zu finden. Die deutsche Bevölkerung wird schrumpfen in den nächsten Jahren, inwiefern, wenn noch eine Rezession hinzu kommt, die Zwangsversteigerungen nach oben gehen, sich dann die Immobilienpreise halten werden, schauen wir mal. Ich erwarte aus China in den nächsten 24 Monaten noch einmal richtig Ärger.

Ich würde momentan auf Aktien setzen, auf Edelmetalle setzen UND diese, und das ist ganz wichtig, gegen Kurseinbrüche mittels klassischer Optionsstrategien absichern. Sonst wird das ein gefährlicher Ritt. Keine Zertifikate, keine Wetten auf irgendwas, sondern wirklich die reale Aktie oder Goldmünze und diese absichern gegen Kurseinbrüche und dann ist es mir auch völlig egal was kommt. Dann komme ich auch mit hoher Sicherheit durch diese turbulente Zeit durch und kann unter Umständen sogar noch ein Vermögen mit dieser Strategie machen. Im schlimmsten Fall verliere ich wenige Prozent, wenn alles so bleibt, wie es gerade ist. Da hab ich ein Risiko von 4%-5% und dann ist es mir (was die Finanzen angeht) völlig egal, ob eine Währungsreform kommt, ob Kurse einbrechen oder ob die Inflation durch die Decke geht. Ich bin für jede Situation gerüstet.

4. Was halten Sie von der massiven öffentlichen Kritik der Occupy-Bewegung, die längst in Deutschland angekommen ist? Bringt uns diese Art von Widerstand weiter? Immerhin waren es rund 10.000 Demonstranten am vergangen Samstag in Frankfurt am Main und das, wenn man sich überlegt, dass die Deutschen eher selten auf die Straße gehen.

Ich finde die Occupy Bewegung spitze!

Demonstrieren Sie dann auch mit?

Wenn ich einmal Zeit habe, bin ich dann auch dort dabei. (Gelächter) Nein, im Ernst ich bin auch mit dem Sprecher der Occupy-Bewegung in Kontakt und tausche mich aus. Henry Ford sagte einmal, wenn die Menschen unser Geldsystem verstehen würden, hätten wir die Revolution noch morgen früh. So weit sind wir noch nicht. Die Menschen verstehen es noch nicht, aber sie hinterfragen es. Sie merken, dass im Geldsystem und in der unheiligen Allianz zwischen Politik und Finanzwelt etwas fürchterlich schief läuft – ohne es genau benennen zu können. Das wirft man ihnen ja auch momentan vor, sie hätten keine klaren Ziele. Wie sollen sie diese auch haben, wenn sie das System nicht verstehen. Wenn unsere Politiker das System noch nicht einmal verstehen, wie sollen es dann die jungen Leute können? Wobei ich dort auch viele getroffen habe, die sehr viele Details kennen, die sehr gut informiert sind und die gehen auf die Straße, die haben die Schnauze voll.

In Amerika wird es nun noch einmal richtig heftig, wieder zehntausende, die die Wall Street besetzen wollen. Und was da passiert ist eine Sauerei. Die US Banken haben Millionen Spenden für das New Yorker Police Department getätigt, damit dieses fähig ist ihr Bankensystem zu schützen.

Für mich ist diese Occupy-Bewegung sehr sehr wichtig, denn die Politik hat sich in den letzten Jahren viel zu sehr an die Finanzindustrie gekuschelt. Sie hat nicht verstanden, was passiert. Die Finanzindustrie hat eine sehr starke Lobbyarbeit. Die Produkte verstehen selbst nur noch sehr wenige und die Politik braucht die Informationen irgendwo her und das Know-How ist in der Politik kaum vertreten. Somit können sich die Politiker dieses Fachwissen eigentlich nur aus der Finanzwelt holen. Dadurch entsteht eine große Nähe. Das kann ich den Banken gar nicht vorwerfen, das ist ja ihr Job, ihre Interessen zu vertreten, aber das führte zu einer Kuschelallianz über viele Jahre hinweg. Wenn Ackermann schon bei Merkel seinen Geburtstag feiert, dann ist damit schon viel gesagt. Diese Nähe führt auch dazu, dass die Politik nicht mehr der unabhängige Richter ist, der die Regeln so setzt, dass sich alle frei entwickeln können, aber so, dass sie die Anderen nicht schädigen. Und das ist aufgehoben worden, dazu ist die Politik zu weit rüber gerutscht und die Occupy-Bewegung oder überhaupt das Aufstehen der Bürger, die Straße, das sind die, welche die Politik nun wieder zwingen sich zu emanzipieren, wieder diesen Abstand zur Finanzindustrie herzustellen, wieder zum neutralen Richter zu werden, und wieder die Entscheidungen zu treffen, die für ein vernünftiges Gemeinwohl sinnvoll sind. Die Banken müssen wieder als Dienstleister der realen Wirtschaft da sein und nicht als Herren über dem ganzen thronen. Da müssen wir wieder hinkommen.

Es gab in Amerika zu Recht ein Trennbankensystem. Warum das aufgehoben worden ist? Weil man aus der Geschichte nicht gelernt hat. Weil man gesagt hat, heute ist man schlauer als damals. Es gab aber einen Grund, warum das eingeführt wurde. Aber die Lobbyarbeit ist sehr stark. Man vergisst, die Politik versteht es in der Regel sowieso nicht und irgendwann ist dann der Bann gebrochen und es werden die sinnvollen Regeln wieder abgeschafft. Und es ist unter anderem die Occupy-Bewegung, die hier wieder Veränderungen erzwingt und das finde ich positiv.

5. Nun noch eine abschließende Frage: Was raten Sie denn finanzinteressierten Studenten für die Zukunft? Wo liegen die Chancen?

Ich rate auf jeden Fall sich weiter mit dem Finanzsystem zu beschäftigen. Aber mit einem kritischem Blick. Rein zu gehen und zu überlegen, welche Teile des Systems und welche Produkte wichtig, sinnvoll und gut sind. Hier sollte man sich engagieren und im Gegenzug da (nach Möglichkeit) den Mund aufmachen, wo etwas schief läuft. Hanseatische Kaufmannsehre steht für mich immer ganz vorne. Ich bin seit 20 Jahren an der Börse und habe immer nach diesem Prinzip der hanseatischen Kaufmannsehre gelebt und es geht. Man kann erfolgreich sein mit Ehrlichkeit, mit Anstand. Ein Geschäft ist dann gut, wenn es für beide Seiten gut ist. Nicht wenn ich den anderen maximal über den Tisch gezogen habe. Und wenn man auf dieser Basis seine Geschäfte führt, dann kann das sehr gut sein. Wenn Ihr in den Job geht und Ihr in die Finanzwelt einsteigt, klar man kann nicht im ersten Lehrjahr sagen, Vorstand das ist aber blöd was Du da machst, das muss anders gehen – das ist natürlich nichts. Aber dass man im Laufe der Zeit wenn man merkt, dass was daneben läuft, dass was nicht ordentlich ist, dass etwas eben nicht fair für beide Seiten ist, zu sagen, komm Mensch muss das sein? Haben wir das nötig? Oder können wir das nicht anders gestalten? Dort, wo man die Welt besser machen kann, es auch zu tun. Das ist vielleicht eine ganz gute Geschichte.

Das Interview führten Klaus Barth, Sven Brenner und Fabian Kupferschmid.

Vielen Dank an die Kreissparkasse Heilbronn, die dieses Treffen ermöglicht hat und vielen Dank an Herrn Müller, der sich die Zeit nahm, um mit uns über die aktuellen Finanz- und Kapitalmarktthemen zu sprechen.

 

DIRK MÜLLER VITA

Nach dem Abitur begann Dirk Müller eine Ausbildung bei der Deutschen Bank in Mannheim. Dort Lernte er das Einmaleins des Börsenparketts kennen, vor allem alles über den Handel mit Bundesanleihen.

Nach diesen Lehrjahren ging es zur Freimaklerfirma Finacor Rabe & Partner, wo er weiter hin mit Bundesanleihen handelte. Im Anschluss folgte eine Beschäftigung bei einem der größten internationalen Brokerhäuser Cantor Fitzgerald. 1998 wechselte Müller dann zur damals frisch gegründeten ICFAG und stellte Aktienkurse auf dem Frankfurter Parkett. Wenig später erfolgte die Vereidigung zum Börsenmakler durch das hessische Wirtschaftsministerium.

Sein Arbeitsplatz lag fast 10 Jahre lang direkt unter der großen Anzeigetafel mit dem Dax Chart. Da den Fotografen die Kurve alleine zu langweilig war, wollten sie immer noch ein Gesicht dazu haben. Die ersten Interviewanfragen kamen, und man erkannte, dass das „Gesicht der Börse“ auch eine klare Meinung und Markteinschätzung hat, die nicht immer mit dem Mainstream übereinstimmt. Und je häufiger der Mainstream sich als falsch herausstellte, desto öfter kamen die Interviewanfragen.

Es folgte nun gezählte TV Interviews, Vorträge und Zeitungsberichte rund um den Globus. Irgendwann tauchte in den Medien plötzlich die Titulierung „MisterDax“ auf. Damit war sein Spitzname „MisterDax“ geboren. Und sogar eine kanadische Tageszeitung brachte einen Artikel über „Dirk of the Dax“ heraus.

2008 bis 2010 wechselte er zur Wertpapierhandelsbank mwb fairtrade AG, wo er die Möglichkeit hatte, neben seinem Tagesgeschäft freiberuflich tätig zu sein.

Heute ist Dirk Müller alias „MisterDax“ einer der gefragtesten Börsenexperten in TV Interviews, Vorträgen und Zeitungsberichten. Anfang 2009 erschien sein Bestseller C(r)ashkurs, indem er über die Hintergründe der Börsen und Finanzwelt aufklärt und die Missstände unseres Wirtschaftssystems deutlich und für jedermann verständlich ausspricht. Am 12.September erschien sein zweites Buch Cashkurs – ein umfassender Finanzratgeber für Einsteiger und Fortgeschrittene – das es bereits kurz nach Erscheinen auf Platz1 der SPIEGEL Bestsellerliste geschafft hat.

Dirk Müller ist Geschäftsführer der Finanz ethos GmbH und außerdem Betreiber der Internetseite cashkurs.com, wo er sich ebenfalls das Ziel gesteckt hat, die Menschen über Hintergründe und Zusammenhänge der Wirtschaft und Finanzmärkte aufzuklären.

Weitere Informationen zu Dirk Müller und der Cashkurs Welt finden Sie unter: www.cashkurs.com www.cashkurs-trends.de www.cashkurs-gold.de

Deine Meinung ist uns wichtig

*